Heilsame Alternativen
1. Jahresversammlung
a) Die Auseinandersetzung mit der doch recht unfriedlichen Weltlage, mit dem problematischen Verfassungsentwurf für die Europäische Union und routinemäßige Wahlen bestimmten die Jahresversammlung des ÖNB im internen Teil.
Marlies Olberz neu und Dr. Wolfram Rohde-Liebenau, der bisher kooptiert war, wurden in den Ständigen Ausschuss (STAU) gewählt. Da beide „neue“ Mitglieder des STAUs schon lange im ÖNB mitarbeiten, also praktisch „alte Hasen“ sind, wissen sie auch, was an Arbeitsbelastung auf sie zukommt, und der STAU freut sich sehr über ihre Entscheidung. Herzlich willkommen!
b) Vor der Hintergrund zunehmender Gewalt in aller Welt wurde folgender Brief an die Kirchenleitungen in Bayern verabschiedet und von der Geschäftsführung versandt:
"Einfordern von Gewaltfreiheit
(Brief der Jahresversammlung 2004 an die Kirchenleitungen in Bayern)
Das Ökumenische Netz Bayern hatte im Mai 2000 in Regensburg die vom Ökumenischen Rat der Kirchen für das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ausgerufene Dekade zur Überwindung der Gewalt – zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Bayern – eingeleitet. Damals erhofften wir uns eine Reduzierung der Gewaltanwendung und des Rüstungsaufwands in Europa und in der ganzen Welt.
Wir stellen jetzt mit Betrübnis fest, dass die Gewaltanwendungen seitdem zugenommen haben und dass Deutschland ebenso wie Europa, sich von einer Frieden schaffenden Region in eine aufrüstende und Krieg vorbereitende Region verwandeln. Wir sollten erkennen, dass Tragödien wie der vielhundertfache Mord in Beslan Teil einer Spirale zunehmender Gewaltanwendung sind.
Wir halten es für unerträglich, dass in der neuen europäischen Verfassung eine Erhöhung des Rüstungsaufwands verlangt wird.
Ebenso ist für uns das politische Postulat nicht erträglich, dass „Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.“ Interventionskriege sind weder mit der Charta der Vereinten Nationen noch mit dem Grundgesetz vereinbar. Deutschland hat sich jeder Mitwirkung hieran zu enthalten und auf die Durchsetzung des Völkerrechts einschließlich der Bestrafung von Aggressionskriegen hinzuwirken.
Die zunehmende Verwandlung der internationalen Konflikte in Glaubenskriege (gegen die Moslems im Irak, in Israel und in Afghanistan und seitens der Moslems im Sudan) zeigt uns, dass Europa Teil eines Systems internationaler Gewaltausübung wird und dass die christliche Religion - eine Religion des Friedens und der Versöhnung – von fundamentalistisch-christlichen Kreisen zu einer neuen Kreuzzugs-Religion missbraucht wird.
Wir bitten unsere Kirchen und alle Gemeinden um eine Mitwirkung an der
Bildung eines Bewusstseins dafür,
dass kriegerische Gewaltanwendung stets der falsche Weg ist,
dass Rüstungsaufwand die Vergeudung unserer Steuern ist und
dass eine Rückbesinnung auf Gewaltfreiheit nötig und möglich
ist.
Wir bitten darum, diese Aufforderung an die Gemeinden und die Mitarbeitenden Ihrer Kirche weiterzuleiten und uns das freundlicherweise zu bestätigen.“
Auf diesen Brief haben inzwischen der Erzbischof von Bamberg, Dr. Schick, und der Superintendent der Evang.-methodistischen Kirche in Bayern, Rainer Stahl, geantwortet (s.u. 3. „Reaktionen“ ).
In der immer größer werdenden Unübersichtlichkeit des Lebens und wirtschaftlich verantwortlichen Handelns suchen die Menschen auf dem konziliaren Weg für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung für sich weithin nach Lösungsansätzen, die tragfähig für den einzelnen und die Gesellschaft sind. In einem öffentlichen Studientag versuchte das Ökumenische Netz Bayern auf seiner Jahresversammlung im Kloster der Missionsbenediktiner St. Ottilien im September 2004 mit „heilsamen Alternativen“ Hilfen zu anzubieten.
2. Studientag
Das Grundsatzreferat hielt Prof. Dr. Wolfgang Berger, Karlsruhe, der selbst im Management von Großunternehmen tätig war, bevor er sich mit einer Unternehmensberatung selbstständig machte. Ausgehend von den Theorien Silvio Gesells setzte er sich mit dem gegenwärtigen Geld- und Wirtschaftssystem, das nur auf Gewinnmaximierung aus sei, auseinander und entwickelte dagegen die Theorie des „fließenden Geldes“: Nur Geld, das in „Arbeit“ im weitesten Sinn investiert wird, rentiert sich volkswirtschaftlich. Als Beispiel brachte er ausgerechnet das als „finster“ verschriene Mittelalter. Eine staatlich verordnete regelmäßige Geldentwertung führte zwischen 1150 und etwa 1300 zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte, weil verdientes Geld gleich wieder ausgegeben oder in Projekte investiert wurde. Unterstützt wurde das System durch das damals biblisch begründete und ernst genommene Verbot des Zinsnehmens (s. „Geld regiert die Welt ...“, S. 9).
Die Vorstellung von Initiativen brachte Beispiele des Bemühens, heilsame Alternativen zu unseren gegenwärtigen Wirtschafts- und Lebensformen aufzuzeigen.
Seit Jahren sind Menschen in aller Welt bestrebt – bekannt sind die Beispiele aus den USA und Japan – , durch die Entwicklung von „Regionalwährungen“, die nur in ihrer Region gelten, dem Turbokapitalismus die Stirn zu bieten und die Wirtschaftskraft der eigenen Region zu stärken. Martin Schmidt-Bredow zeichnete die Grundlagen dieser „Regionalwährungen“ nach. Diesen Beispielen folgend entwickelte die Waldorfschule am Chiemsee die Regionalwährung des „Chiemgauers“: Gegen eine regelmäßige Gebühr kann der „Chiemgauer“ als regional geltende Währung erworben werden und ist Zahlungsmittel in regionalen Geschäften und Betrieben, die sich dazu bereit erklärt haben. Ziel ist dabei auch hier durch diese Wirtschaftskraft die eigene Region zu stärken. (s. „Ausbau von Regionalwährungen“, S. 10)
Die Initiative „Unser Land“ in den Landkreisen Fürstenfeldbruck, Dachau, Starnberg, München und Landsberg setzt auf den ökologisch korrekten Anbau von Getreide, Gemüse und Obst zusammen mit der Tierzucht nur mit einheimischen Futtermitteln. Die damit produzierten Lebensmittel haben zwei Vorteile: Sie schmecken gut, sind gesund und haben keine lange Reise zwischen Produzent und Verbraucher hinter sich. Dass große Supermärkte inzwischen „Unser-Land“-Produkte als Standard führen zeugt für den Erfolg dieser „heilsamen Alternative“, wie Frau E. Seiltz, die Geschäftsführerin von „Unser Land“ überzeugend darlegen konnte.
Den spirituellen Ansatz einer heilsamen Alternative steuerte Sepp Stahl vom ÖNB mit der Initiative „Aufbruch“ bei. Ausgehend von den Überlegungen Jakubowicz‘ in „Genuss und Nachhaltigkeit“ entwickelte er Möglichkeiten in der Verantwortung vor Gott so zu leben, dass einerseits das eigene Wohlbefinden im „Genug“ sogar gestärkt wird, andererseits das Wohl von Gemeinschaft und Natur immer im Auge behalten werden kann. Eine Änderung unseres Lebensstils könnte auf die Länge ähnlich heilsame Auswirkungen für das Heil der Welt haben, wie die jetzige Lebensweise unheilvolle zeitigt.
Gudrun Schneeweiß
3. Reaktionen
a) Der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick schrieb am 28. Sept. 2004:
"Sehr geehrter Herr Willberg,
vielen Dank für den Aufruf an die Kirchen der AcK in Bayern „Einforderung von Gewaltfreiheit“, die von den Teilnehmenden der Jahresversammlung 2004 des Ökumenischen Netzes Bayern beschlossen wurde. Ich stimme dem Aufruf bzgl. einer Reduzierung der Gewaltanwendung und des Rüstungsaufwands in Europa und in der ganzen Welt zu. Ich selbst habe mich anlässlich des alljährlichen Schweigemarsches zum Ottofest in gleicher Weise geäußert. In der Anlage darf ich Ihnen den Text meiner Ansprache vom 24. September 2004 übersenden.
Ich danke Ihnen und dem Ökumenischen Netz Bayern für Ihren Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, erbitte Ihnen Gottes Segen und grüße Sie herzlich.
Prof. Dr. Ludwig Schick
Erzbischof von Bamberg“
Aus der Ansprache von Erzbischof Dr. L. Schick:
"Das Evangelium Jesu Christi ist wie keine andere Religion oder religiöse Botschaft, Botschaft des Friedens ... Jesus hat allen Menschen, die ihm begegneten, das Wort Schalom – Friede – zugesagt und er trägt seinen Jüngern und Aposteln für alle Zeiten auf: „Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht zuerst ‚Friede‘ diesem Haus. ... Das Evangelium Jesu Christi ist Botschaft des Friedens; das christliche Leben muss Beitrag zum Frieden sein. ... Um den Frieden zu fördern, muss zunächst alles beseitigt werden, was den Frieden stört; das sind vor allem Krieg und Terror. Der Wurzelgrund für Krieg und Terror ist die Gewalt, die tief im Menschen sitzt. Das Evangelium ächtet jede Gewalt und fordert von den Christen, in der Nachfolge Jesu alle Gewalt zu verurteilen, abzulehnen und zu überwinden.
In der Bergpredigt heißt es in der dritten Seligpreisung: ‚Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land besitzen. ‘Damit will Jesus sagen, nicht die, die die starken Ellbogen spielen lassen, nicht die, die mit Gewalt und Waffen, durch Erpressung und Unterdrückung, ihre Ansprüche durchsetzen dementsprechend ihre Mitmenschen behandeln, werden letztlich die Sieger sein und das Land besitzen, sondern die , die keine Gewalt anwenden. Seht ein sagt uns Jesus, dass Gewalt nichts bringt; bekehrt euch zur Gewaltlosigkeit! ... Das bedeutet für uns, dass wir jede Gewalt ächten, überwinden und auch selbst auf alle Gewalt in unserem Leben verzichten müssen. Der Krieg gegen den Irak war nicht gut! .... Aber wir brauchen nicht nur in die ferne Welt zu schauen. Auch bei uns muss jede Gewalt verurteilt und überwunden werden: die Gewalt in den Familien, gegen die Kinder, gegen Frauen, gegen Behinderte, gegen die Ausländer, gegen alte Menschen, die Gewalt in den Schulen und das Mobbing in den Arbeitsstätten. Wenn derzeit wieder vermehrt Nazi-Parolen zu hören sind die Kraftausdrücke der Gewalt zunehmen, dann müssen wir Christen aufstehen und unsere Botschaft von der Gewaltlosigkeit verkünden, Die Gewalt ist wie eine Spirale, die sich nach oben hin immer schneller dreht und immer grausamere Auswirkungen hat. ...
Die andere Seite ist die aktive Förderung des Friedens! Aber wie geschieht das? Der heilige Paulus nennt drei Begriff zusammen Gerechtigkeit, Friede und Freude, so heißt es im Römerbrief (14,17). Gleichheit – ein Wort das mit der Gerechtigkeit eng zusammenhängt – ist eine wesentliche Voraussetzung für Frieden. Denken wir zunächst an uns. In den Schulen müssen gleich Bedingungen und gleiche Chancen für alle gegeben sein. Ebenso in der Arbeitswelt! Gleichheit ist keine Gleichmacherei. Sie nimmt jeden wie er ist. Aber in dem, wie er ist und was er ist, darf er sich in gleicher Weise entfalten, einbringen, leben und wirken. Diese Gleichheit und Gerechtigkeit muss auch für die Staaten und Nationen gelten. letztlich für die weltweite Menschengemeinschaft. Wir müsse die Gerechtigkeit und die Einheit fördern. Dazu müssen die reichen Länder ihre Verantwortung für dieArmen wahrnehmen. Es muss Gerechtigkeit und Gleichheit für alle gelten. Hier bei uns müssen die Reichen in Solidarität für die Armen da sein und sich nach ihrem Vermögen und mit ihrem Vermögen für sie einsetzen. ....“
b) Der Superintendent der Ev.-methodistischen Kirche, Nürnberger Distrikt, Herr Reiner Stahl schrieb:
"Sehr geehrter Herr Willberg,
Den Aufruf des Ökumenischen Netz Bayern“ von der Jahresversammlung 2004 habe ich erhalten. Ich danke Ihnen von Herzen für alles Engagement in diesen Fragen. Die Ev.-methodistische Kirche hat bei ihrer jährlichen Konferenz im Juni 2004 sich mit den Anliegen beschäftigt und mit Besorgnis zur Kenntnis genommen, dass die Europäische Verfassung sehr zweifelhafte Impulse gibt im Blick auf Rüstung und Verteidigung. Wir teilen Ihre Besorgnis und weisen in unseren Gemeinden auf diese Aspekte hin.
Mit freundlichem Gruß
Reiner Stahl
Superintendent“
Netz-Info, Winter 2004/2005